Traumsymbol
Verfolgtwerden

Traum vom Verfolgtwerden: Was bedeutet die Flucht im Traum?

Was es bedeutet, im Traum verfolgt zu werden: unbekannte Verfolger, bekannte Gesichter und wie verschiedene Traditionen diesen Traum deuten.

Verfolgt zu werden gehört zu den häufigsten Träumen überhaupt und zu den frustrierendsten, weil die Beine oft nicht so laufen wollen, wie sie müssten. Anders als beim Verirren gibt es hier ein Gegenüber: Etwas ist hinter dem Träumenden her, und das Gefühl ist Dringlichkeit. Für die Deutung zählt fast immer, wer oder was da verfolgt und wie die Flucht ausgeht.

Ein unbekannter Verfolger. Ein Verfolger ohne Gesicht steht häufig für ein Problem oder ein Gefühl, dem der Träumende im Wachleben lieber ausweicht. Auffällig ist, wie oft Träumende ihn nie zu sehen bekommen und trotzdem genau wissen, dass er da ist.

Ein bekannter Verfolger. Verfolgt eine erkennbare Person, verweist das eher auf einen ungelösten Konflikt mit genau diesem Menschen — eine Spannung, die noch nicht ausgesprochen wurde.

Ein Tier als Verfolger. In mehreren Traditionen wird dieser Fall nicht eigenständig gedeutet, sondern über das Tier: Ein verfolgender Hund, eine verfolgende Schlange bringt ihre eigene Bedeutung mit.

Beine, die nicht laufen. Das bekannteste Detail dieses Traumtyps. Es wird meist als Bild dafür gelesen, dass die eigenen Mittel für ein Problem gerade nicht abrufbar sind.

Entkommen. Ein günstig gelesener Ausgang in fast allen Überlieferungen: eine Schwierigkeit, aus der der Träumende herauskommt.

Eingeholt werden. Wird meist nicht als Unglücksankündigung gelesen, sondern als Sache, die sich nicht länger vermeiden lässt. Manche Träumende berichten, dass genau dann die Angst nachlässt.

Sich umdrehen und stehen bleiben. Selten, aber prägend. In der psychologischen Lesart ist es der interessanteste Ausgang dieses Traums, und in einer der Volksüberlieferungen ist es ausdrücklich das, was man nicht tun soll — siehe unten.

Wiederkehrende Verfolgungsträume. Sie sind häufig und werden meist mit etwas verknüpft, das über längere Zeit unbearbeitet geblieben ist.

Was der Traum nicht bedeutet. Er kündigt keinen Übergriff an und benennt keine bestimmte Person als Gefahr. Wer unter Druck steht oder abends beunruhigende Inhalte konsumiert, träumt schlicht öfter davon — die Verfolgung ist ein sehr gewöhnlicher Traum und kein Alarmzeichen.

Sichtweisen verschiedener Traditionen

Die klassische islamische Traumdeutungstradition liest die Verfolgung über zwei Größen, die sie als die entscheidenden behandelt: wer verfolgt, und wie die Flucht ausgeht. Ist der Verfolger ein Tier, wird er im Maßstab und im Charakter dieses Tieres gelesen — die Deutungen der Tradition für das betreffende Tier gelten hier weiter, sodass eine verfolgende Schlange, ein Hund oder ein Raubtier den jeweiligen Eintrag mitbringt, statt einen eigenen zu bekommen. Das ist eine sparsame und konsequente Konstruktion und erklärt, warum das klassische Material zur Verfolgung als solcher knapper ausfällt, als man erwarten würde.

Zu entkommen wird günstig gelesen, als eine Schwierigkeit, von der der Träumende befreit wird. Eingeholt zu werden gilt als eine Angelegenheit, die sich nicht länger vermeiden lässt, und die Tradition rät dem Träumenden, sich ihr zuzuwenden — sie liest darin ausdrücklich keine Vorhersage eines Schadens, und das gehört Lesern deutlich gesagt. Auch die Flucht selbst wird unabhängig vom Verfolger als bedeutsam behandelt: Fliehen wird mit dem Suchen von Sicherheit vor etwas verbunden, das der Träumende bereits als Gefahr für sich erkannt hat, was die Deutung von einem äußeren Feind weg und auf das lenkt, was er vor sich herschiebt. Diese Einzelheit wird hier allgemein gehalten, weil sich nicht sicher sagen lässt, ob das klassische Korpus sie als eigene Regel führt oder ob sie aus seiner Behandlung von Feinden und Errettung folgt.

Hier liegt die stärkste der drei Lesarten. In jungianischer Sicht ist der Verfolger keine äußere Bedrohung, sondern ein abgespaltener Inhalt der eigenen Psyche — meistens Schattenmaterial, das gerade deshalb verfolgt, weil ihm die Aufmerksamkeit verweigert wurde. Die Beharrlichkeit des Traums ist der Punkt: Wiederkehr kennzeichnet einen Inhalt, der nicht bearbeitet wurde, und der Schrecken wächst mit der Verweigerung und nicht mit einer wirklichen Gefahr. Das erklärt auch das bekannteste Detail dieses Traumtyps: Beine, die nicht laufen wollen, werden als die Mittel des Ichs gelesen, die für ein Problem nicht verfügbar sind, das es beschlossen hat nicht anzusehen.

Der kennzeichnende Zug dieser Tradition ist, sich dem Verfolger zuzuwenden und zu fragen, was er will — mit der Begründung, dass sich integrieren lässt, was einem begegnet, während das Geflohene weiter verfolgt. Wichtig ist dabei eine Klarstellung: Gemeint ist nicht, im Traum anders zu handeln, sondern die Gestalt danach im Wachen aufzunehmen und mit ihr zu arbeiten. Für diese wache Übung hat Jung die aktive Imagination entwickelt; eine Anweisung, sich mitten im Traum umzudrehen, stammt nicht von ihm. Ebenso wenig stammt von ihm eine feste Deutung des Verfolgungstraums — er hat solchen Gleichungen widersprochen, und wo hier von einer Lesart die Rede ist, ist die analytische Psychologie gemeint und kein Urteil Jungs. Was bleibt, ist eine Richtung der Aufmerksamkeit und keine Entschlüsselung.

Das volkstümliche chinesische Material zur Verfolgung ist wirklich dünn, und der Grund dafür ist aufschlussreich statt peinlich: Diese Überlieferung ordnet sich nach Dingen — Tieren, Gegenständen, Körperteilen, Ereignissen mit festem Namen —, und Verfolgtwerden ist kein Ding, sondern ein Vorgang. Es gibt deshalb kein bekanntes chinesisches Sprichwort, das eigens an diesem Traum hängt, und der Eintrag des Verfolgers trägt die Deutung an seiner Stelle: Ein verfolgender Hund, eine verfolgende Schlange, eine verfolgende Ratte bringen ihre jeweilige Bedeutung mit. Die verbreitete Auslegung, Verfolgung sei die Warnung, dass eine liegen gebliebene Angelegenheit dringend werde, und Entkommen bedeute abgewendeten, Eingeholtwerden eintreffenden Ärger, ist eine moderne psychologische Übertragung und keine überlieferte Volksdeutung: Das ältere Material deutet nicht den Vorgang, sondern den Verfolger — Hund, Schlange, Ratte — oder es greift zur Umkehrregel. Ein Teil der Deutungen wendet die Umkehrregel an und behandelt einen schrecklichen Traum als bereits abgeführtes Unglück; im Alltag heißt das schlicht, Träume seien das Gegenteil, und das ist der Satz, den man in China jemandem sagt, der erschrocken aufgewacht ist.

Was ein chinesischer Leser auf dieser Seite tatsächlich im Kopf hat, sind keine Traumregeln, sondern Redewendungen für den Zustand der Angst selbst, und zwei davon geben dem Abschnitt sein Register. Der vom Bogen erschreckte Vogel ist der stehende Ausdruck für jemanden, der noch immer vor einer längst vorüberen Gefahr flieht; dass Gras und Bäume alle wie feindliche Soldaten aussehen, ist der Ausdruck für eine Furcht, die sich die Welt mit Verfolgern bevölkert. Beide beschreiben die Verfassung des Träumenden und deuten den Traum nicht, und dieser Unterschied gehört genannt.

Ein Volksglaube gehört ebenfalls hierher, weil er sich mit der psychologischen Lesart oben reibt statt sie zu wiederholen. Nach chinesischer Volksvorstellung trägt jeder Mensch drei Flammen, eine über dem Kopf und je eine auf den Schultern, und auf einem nächtlichen Weg darf man sich nicht umdrehen und nicht antworten, wenn man gerufen wird, weil das Umwenden die Flammen löscht und das, was hinter einem ist, herankommen lässt. Das ist ein Glaube über das nächtliche Gehen und keine Traumdeutung. Sein Reiz liegt genau im Zusammenstoß: Was die eine Tradition als ihren Kernzug empfiehlt — sich umzudrehen und den Verfolger anzusehen —, ist in der anderen das ausdrückliche Tabu. Es handelt sich um Volksüberlieferung und Sprachgebrauch, nicht um eine gelehrte Systematik.

Nachzutragen ist trotzdem ein Handbuchregister, das es zu diesem Bild sehr wohl gibt und das der Erwartung zuwiderläuft: Die volkstümlichen Traumbücher geben Lesarten dieser Form: Verfolgt zu werden kündigt ein freudiges Ereignis an, nachgestellt zu bekommen großes Glück. Das ist die Umkehrregel in ihrer knappsten Anwendung. Dazu tritt ein Sprichwort, das genau den Punkt trifft, an dem Fliehen nichts nützt: 「跑得了和尚跑不了庙」 (pǎo dé liǎo hé shàng pǎo bù liǎo miào), der Mönch mag davonlaufen, der Tempel läuft nicht mit — gesagt von einer Sache, der man sich nicht durch Weggehen entzieht.

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