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Träume und Kreativität: Belege und Legenden

Träume und Kreativität: Belege und Legenden

Loewi, McCartney, Mary Shelley, Dalí: gut dokumentierte Fälle kreativer Träume — und warum die Geschichte von Mendelejews Periodensystem eine Legende ist.

Das Wichtigste in Kürze
  • Otto Loewi, Paul McCartney, Mary Shelley und Salvador Dalí haben kreative Einfälle aus dem Schlaf oder Halbschlaf berichtet.
  • Kekulés Traum vom Benzolring ist ein berühmter, aber wissenschaftshistorisch umstrittener Selbstbericht.
  • Die Geschichte, Mendelejew habe das Periodensystem geträumt, gilt als höchstwahrscheinlich apokryph.
  • In Ullrich Wagners Untersuchung mit einer Zahlenaufgabe entdeckten ausgeschlafene Teilnehmende eine verborgene Regel deutlich häufiger.
  • Am MIT wird der Einschlafzustand gezielt für Forschung zur Ideenfindung genutzt.

Es gibt eine Sammlung berühmter Geschichten über Einfälle, die aus dem Schlaf kamen. Einige davon sind gut dokumentierte Selbstberichte, andere sind strittig, und mindestens eine ist mit hoher Wahrscheinlichkeit frei erfunden. Diese Unterscheidung ist der eigentliche Inhalt dieses Textes, denn die Legenden werden mindestens so häufig weitergereicht wie die belegten Fälle.

Die gut dokumentierten Fälle. Der Pharmakologe Otto Loewi berichtete, ihm sei die Idee zu dem Experiment, mit dem er die chemische Übertragung von Nervenimpulsen nachwies, im Traum gekommen — ein Versuch mit Froschherzen, für den er später den Nobelpreis erhielt. Paul McCartney erzählte, er sei mit der fertigen Melodie von „Yesterday" aufgewacht und habe zunächst befürchtet, sie unbewusst irgendwo gehört zu haben. Mary Shelley führte die Ausgangsszene von „Frankenstein" auf einen wachen Traum zurück, ein Bild, das sich ihr im Halbschlaf aufdrängte. Und Salvador Dalí nutzte den Übergang zum Schlaf ganz gezielt: Er dämmerte in einem Sessel mit einem Schlüssel in der Hand und einem Teller darunter — fiel der Schlüssel, weckte ihn das Geräusch, und er hielt fest, was er in diesem Moment vor Augen hatte.

Und die strittigen. August Kekulés Bericht, die Ringstruktur des Benzols habe sich ihm in einem Halbschlafbild einer sich in den Schwanz beißenden Schlange erschlossen, ist der bekannteste Fall dieser Art. Die Anekdote stammt aus einer Rede Kekulés viele Jahre nach der Entdeckung, und Wissenschaftshistoriker haben ihre Zuverlässigkeit erheblich in Zweifel gezogen. Sie ist damit weder widerlegt noch belastbar — ein Selbstbericht mit großem zeitlichem Abstand.

Die Legende, an der man das Muster gut sieht. Die Erzählung, Dmitri Mendelejew habe das Periodensystem im Traum gesehen, wird bis heute in Schulbüchern weitergegeben. Sie ist mit großer Wahrscheinlichkeit apokryph: Sie geht auf eine späte Wiedergabe Dritter zurück, und sie widerspricht dem, was über Mendelejews jahrelange, mühevolle Arbeit an der Ordnung der Elemente bekannt ist. Genau das macht die Geschichte so lehrreich. Solche Erzählungen sind attraktiv, weil sie ein langes, unspektakuläres Ringen durch einen einzigen magischen Moment ersetzen — und diese Erzählform ist es, die weitergegeben wird, nicht der Sachverhalt.

Bemerkenswert an den echten Fällen ist überdies, was sie gemeinsam haben: In allen war die Person seit langem intensiv mit genau dem Gegenstand beschäftigt. Loewi hatte über Jahre über die Frage nachgedacht, Dalí malte täglich, McCartney schrieb ununterbrochen Musik. Der Traum lieferte kein Wissen von außen, sondern eine Verbindung innerhalb von Material, das ohnehin vorhanden war. Insofern ist die zutreffende Formulierung nicht „Träume machen kreativ", sondern „der Schlaf begünstigt neue Verknüpfungen in dem, woran man ohnehin arbeitet".

Was die Forschung dazu beisteuert. Ullrich Wagner und Kollegen ließen Versuchspersonen eine Zahlenaufgabe bearbeiten, für die es eine verborgene Abkürzung gab, die zur Lösung führte, sobald man sie bemerkte. Wer zwischen den Durchgängen geschlafen hatte, entdeckte die Regel deutlich häufiger als wer wach geblieben war. Das ist kein Beleg für kreative Träume, wohl aber dafür, dass Schlaf die Einsicht in eine verborgene Struktur begünstigt. Daneben wird der Übergangsbereich zum Schlaf inzwischen gezielt beforscht: In Arbeiten am MIT wurden Verfahren entwickelt, die den Zustand des Einschlafens überwachen und Menschen darin gezielt Stichworte zuspielen, um die entstehende Bildwelt zu beeinflussen und anschließend ihre Ideen abzufragen — die technische Fortsetzung von Dalís Schlüssel.

Praktisch lässt sich daraus wenig Spektakuläres, aber Brauchbares ableiten. Wer an einem Problem hängt, sollte es vor dem Schlafen noch einmal durchdenken und dann loslassen. Papier neben dem Bett kostet nichts. Und wer morgens im Halbschlaf einen Einfall hat, sollte ihn festhalten, bevor er aufsteht — die Regeln aus dem Text über das Erinnern von Träumen gelten hier genauso.

Häufige Fragen

Kann man im Traum Probleme lösen?
Es gibt gut dokumentierte Selbstberichte, und die Forschung zeigt, dass Schlaf die Einsicht in verborgene Regeln begünstigt. Der Traum liefert dabei kein neues Wissen, sondern neue Verbindungen in vorhandenem Material.
Hat Mendelejew das Periodensystem geträumt?
Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Die Erzählung geht auf eine späte Wiedergabe Dritter zurück und passt nicht zu Mendelejews jahrelanger Arbeit an der Ordnung der Elemente.
Welche berühmten Werke stammen aus Träumen?
Berichtet wurde das unter anderem für Otto Loewis Schlüsselexperiment, für die Melodie von „Yesterday" und für die Ausgangsszene von „Frankenstein". Es handelt sich um Selbstberichte, nicht um überprüfte Protokolle.
Wie kann ich Träume kreativ nutzen?
Sich vor dem Einschlafen bewusst mit der offenen Frage beschäftigen und sie dann loslassen, Papier neben dem Bett bereitlegen und morgendliche Einfälle sofort notieren, bevor man aufsteht.

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Worauf das beruht

  • Selbstberichte von Otto Loewi, Paul McCartney, Mary Shelley und Salvador Dalí
  • Wissenschaftshistorische Einordnung der Kekulé- und Mendelejew-Anekdoten
  • Ullrich Wagners Untersuchung zu Schlaf und Einsicht bei einer Zahlenaufgabe
  • Forschung zur gezielten Nutzung des Einschlafzustands am MIT

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.