
REM-Schlaf: die Phase der lebhaften Träume
Was im REM-Schlaf geschieht: ein fast waches EEG, schnelle Augenbewegungen, gelähmte Muskeln — und warum Träume trotzdem nicht nur aus REM stammen.
- Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman beschrieben den REM-Schlaf 1953.
- Das EEG ähnelt im REM-Schlaf eher dem Wachzustand als den übrigen Schlafstadien.
- Die willkürliche Muskulatur ist im REM-Schlaf weitgehend gelähmt — deshalb werden Träume normalerweise nicht ausagiert.
- Träume treten auch im NREM-Schlaf auf, sind dort aber meist kürzer und weniger erzählerisch (Arbeiten von David Foulkes).
Der REM-Schlaf verdankt seinen Namen einer Beobachtung, die 1953 fast beiläufig gemacht wurde: Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman bemerkten, dass sich die Augen schlafender Personen in bestimmten Abschnitten der Nacht schnell hin und her bewegen — Rapid Eye Movement. Wer in genau diesen Momenten geweckt wurde, berichtete auffällig häufig von einem lebhaften Traum. Damit war zum ersten Mal ein messbarer körperlicher Marker gefunden, der sich mit einem inneren Erleben in Verbindung bringen ließ. Die moderne Traumforschung beginnt an dieser Stelle.
Ein Gehirn, das aussieht, als wäre es wach. Im EEG ähnelt der REM-Schlaf dem Wachzustand weit mehr als den anderen Schlafstadien: schnelle, niedrigamplitudige Aktivität statt der langsamen Wellen des Tiefschlafs. Auch Herzschlag und Atmung werden unregelmäßiger, und die Aktivität ist über die Hirnregionen ungleich verteilt — emotionsverarbeitende und visuelle Areale sind deutlich beteiligt, während Bereiche, die im Wachzustand für kritische Selbstprüfung und logische Ordnung zuständig sind, zurückgefahren scheinen. Das passt gut zu der Erfahrung, dass man im Traum die absurdesten Szenenwechsel widerspruchslos hinnimmt.
Der Körper ist derweil abgeschaltet. Während des REM-Schlafs sind die willkürlichen Muskeln praktisch gelähmt — man spricht von Atonie. Das ist kein Nebeneffekt, sondern eine Schutzvorrichtung: Sie verhindert, dass der Schlafende ausführt, was er gerade träumt. Ausgenommen sind Zwerchfell und Augenmuskeln, weshalb die Atmung weitergeht und die Augen sich bewegen können. Fällt diese Atonie aus, entsteht ein eigenes Krankheitsbild, die REM-Schlaf-Verhaltensstörung — sie wird im Text über Schlafwandeln behandelt, mit dem sie oft verwechselt wird. Bleibt die Atonie umgekehrt bis ins Erwachen bestehen, entsteht die Schlaflähmung, die ebenfalls einen eigenen Text hat.
Träumen ist nicht dasselbe wie REM. Diese Gleichsetzung hat sich hartnäckig gehalten, seit die frühen Weckversuche so eindrückliche Zahlen lieferten — sie ist aber falsch. Weckt man Menschen aus NREM-Stadien, berichten sie ebenfalls von Trauminhalten. David Foulkes hat mit sorgfältig kontrollierten Weckversuchen wesentlich dazu beigetragen, das zu etablieren. Der Unterschied ist eher gradueller Natur: NREM-Berichte sind im Durchschnitt kürzer, gedanklicher, weniger erzählerisch, seltener bizarr und emotional flacher. Der lange, verwickelte Film mit Szenenwechseln stammt typischerweise aus dem REM-Schlaf — aber die Bühne gehört ihm nicht exklusiv.
Über die Nacht verteilt macht der REM-Schlaf bei Erwachsenen ungefähr ein Fünftel bis ein Viertel der Schlafzeit aus, wobei die Phasen gegen Morgen deutlich länger werden. Wer die letzten Stunden regelmäßig abschneidet, verliert deshalb überproportional viel davon. Nach Nächten mit wenig REM-Schlaf zeigt sich häufig ein Rückholeffekt: In der folgenden Nacht steigt der REM-Anteil an. Dieselbe Mechanik erklärt einen Teil der besonders intensiven Träume nach Alkoholkonsum, wovon ein eigener Text handelt.
Warum sich die Augen überhaupt bewegen, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Eine naheliegende Vermutung lautet, die Blickrichtung folge dem, was im Traum gerade betrachtet wird; einzelne Befunde stützen das, aber ein sauberer, durchgängiger Zusammenhang zwischen Augenbewegung und Trauminhalt ließ sich nicht zeigen. Ebenso wenig ist geklärt, warum ausgerechnet die Augenmuskulatur von der allgemeinen Lähmung ausgenommen bleibt. Für die Traumforschung war genau diese Ausnahme allerdings ein Glücksfall: Sie ist der einzige Kanal, über den ein Schlafender aus dem Traum heraus etwas mitteilen kann — die Grundlage der Experimente zum Klartraum, denen ein eigener Text gewidmet ist.
Welche Funktion der REM-Schlaf erfüllt, ist nach über siebzig Jahren Forschung weiterhin offen. Diskutiert werden Beiträge zur Verarbeitung emotionaler Erinnerungen, zur Festigung prozeduraler Fähigkeiten und zur Reifung des Gehirns — die hohen REM-Anteile bei Säuglingen gelten als Argument für Letzteres. Sicher ist vor allem, dass sich der REM-Schlaf bei sehr vielen Arten findet und dass sein Ausfall nicht folgenlos bleibt. Wer eine eindeutige Antwort auf die Frage nach seinem Zweck liest, sollte skeptisch sein: Der Stand der Forschung gibt sie derzeit nicht her.
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Persönliche Deutung erhaltenWorauf das beruht
- Aserinsky und Kleitmans Entdeckung des REM-Schlafs 1953
- David Foulkes' Weckexperimente zu Traumberichten aus NREM-Stadien
- Schlafmedizinische Beschreibungen der REM-Atonie
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.